Bibel lesen – unbedingt, unverkrampft, unverzichtbar

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Eine kürzlich im Rahmen von H20T durchgeführte Themenreihe widmete sich der «Faszination Bibel». Faszinierend ist zum einen die Entstehung dieser vielfältigen Büchersammlung. Und zum andern ist es die fast zeitlose Attraktivität der Bibel, die sich darin zeigt, dass auch jüngere Generationen vermehrt die Bibel lesen. Ein kurzes Plädoyer aus reformierter Perspektive.
Mit der Reformation kam die Forderung: Jedes Kind soll selbst die Bibel lesen, soll also lesen und schreiben lernen. So sind Schulen, Bibliotheken und später auch Universitäten entstanden. Die Bibel war damals die grundlegende Schrift, um Bildung zu fördern. Sie bildet sie auch heute noch, sofern man sich unverkrampft auf das Bibellesen und auf die erzählte Welt der Bibel einlässt.

Hilfreich ist dabei die Unterscheidung zwischen der Welt des Erzählers und der er-zählten Welt. Nehmen wir die berührende Geschichte aus dem Paradiesgarten, in der erzählt wird, wie Adam und Eva, die ersten Menschen, geschaffen werden. Ungeübte Bibelleser fragen: Muss ich das glauben?

Sie müssen nicht. Sie sollten sich vielmehr darauf einlassen, was hier Faszinierendes über den Menschen und das Verhältnis von Gott und Mensch gesagt ist, nämlich dass Gott der Schöpfer ist und der Mensch das Geschöpf, das fähig ist zur Liebe. Wer die Bibel selbst liest, soll da-bei auch lernen, selbst zu denken und selbst zu interpretieren. Es gilt die Bibeltexte ganz zu lesen, auch wenn darin schwierige Passagen vorkommen.

Die Texte sind oft sehr unterschiedlich und sprechen für sich und dennoch fragt sich, wie Gott in ihnen redet. So erkennen Reformierte: Die Bibel ist nicht wörtlich Gottes Wort, aber enthält es. Das heisst: Nicht jeder Satz der Bibel ist heilig und unantastbar – vielmehr ist es ein zu interpretierendes Wort. Dieses Interpretieren ist eine Einladung zum gemeinsamen Gespräch und Austausch über den Glauben.

Zum Beispiel auch darüber, wie Bibelstellen zu verstehen sind, die sich gegenseitig widersprechen. Faszinierend ist auch, dass es nicht nur ein Evangelium gibt, sondern deren vier, die jedes für sich das Wirken von Jesus theologisch interpretieren und unterschiedliche Zugänge zu Jesus ermöglichen. Als Leser werde ich also nicht an einer kurzen Leine geführt, sondern mo-tiviert, mich auf diese unter-schiedlichen Jesusbilder ein-zulassen, selbst zu denken und zu deuten. Geübtes Bibellesen zielt so auf Mündigkeit und Freiheit. Es macht kritisch, gibt uns die Fähigkeit Ideologien und aktuelle Weltanschauungen zu entlarven, die inhuman sind und der Menschenfreundlichkeit Got-tes und seines Gesandten Jesus Christus widersprechen.

Der Theologe Ulrich Barth hat einmal gesagt: «Protestantismus – das ist der Traum einer Religion für freie Geister». Bibellesen ist ein würdiger und unverzichtbarer Weg, um ein solch freier Geist zu werden. Das will geübt sein und Üben endet nie.

Pfr. Jürg-Markus Meier


Bereitgestellt: 12.05.2026      
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