«Siehe, ich mache alles neu»
Was passiert, wenn ein Hoffnungssatz aus der Johannesapokalypse hineinfällt in die ängstlichen Stimmungen unserer Tage? Wie verstehen wir die Verheissung, dass alles neu wird, für uns heute?
Alles neu – das klingt für manche wie ein Versprechen. Für andere weckt es Angst, dass das Vertraute verloren geht. «Alt» und «neu» sind keine neutralen Worte. Sie berühren uns, machen Hoffnung und zugleich unsicher. Wir erinnern uns an die «gute alte Zeit» und sehnen uns nach guten Neuigkeiten. Wir lieben das Vertraute – und sind doch manchmal müde davon. Neues entsteht nie ohne das Alte. Es kann uns be-freien oder uns etwas rauben. Diese Spannung gehört zum Leben, damals wie heute.
«Siehe, ich mache alles neu.» Was machen wir mit diesem Hoffnungswort? Hilft es uns denn schon jetzt? Ja, als ein Prüfstein: Was ist echte Hoffnung – und was nur Illusion? Gott allein schafft Neues. Das heisst: In unserer Welt gibt es keinen endgültigen Neustart, keine Flucht aus der Wirklichkeit. Neues geschieht, aber immer im Zusammenhang mit dem Alten. Diese Welt ist kein ewiger Kreislauf, keine ewige Wiederkehr des Gleichen. Neues geschieht. Die Zeit lässt sich nicht anhalten. Gott hat immer wieder Neues werden lassen. Denn sogar der Glaube an den einen Gott war einmal neu – und hat eine lange Geschichte.
Auf Gottes neuschaffende Kraft zu hoffen, heisst, auszuhalten und zu trotzen. Denn sie ist nicht machbar. Aber dabei sind wir keineswegs passiv. Wir fragen: Was hilft uns in apokalyptischen Zeiten durch-zuhalten? Wir erzählen einander grosse und kleine Geschichten von Auferstehung, denn so halten wir einander den zarten Sinn für die Möglichkeit des Guten und Neuen wach. Und wir leisten Wider-stand, indem wir unsere innere Freiheit bewahren, den apokalyptischen Mächten nicht glauben und auf dem Weg der Liebe, Menschlichkeit und Gerechtigkeit bleiben.
«Siehe, ich mache alles neu» erinnert uns daran, dass Gottes Geist wirkt und die Schöpfung mit vielfältigen Potenzialen zur Erneuerung und Entwicklung begabt hat. Im Glauben an den schöpferischen Geist Gottes hoffen wir, dass aus dem, was war und ist, etwas Anderes und Neues wird. Zukunft ist hier als Futurum, als Werden vorgestellt.
Die Jahreslosung «Siehe, ich mache alles neu» hat die Kraft, uns hellwach und neugierig zu machen. Wo sehen wir neben den Zeichen des Untergangs auch die Zeichen des Aufgangs? Wo kommt die neue Schöpfung mit ihren neuen Möglichkeiten gerade bei uns an, um uns zu ergreifen und mitzureissen? Persönlich wie global? Klein wie gross? Vielleicht, wenn Frieden möglich wird, Versöhnung geschieht, Heilung stattfindet. Wenn Menschen das Wagnis der Liebe eingehen. Wenn ein Kind geboren wird. Was auch immer es sein mag, die Geistkraft der Hoffnung lässt uns hinter den kleinen Neuerungen die grosse, endgültige Erneuerung der Schöpfung ahnen. Wo sie wohnt, erzählen sich Menschen gute Neuigkeiten. Wo wir uns von ihr anstiften lassen, da ereignet sich (neue) Kirche.
Pfrn. Julia Matucci-Gros