Sommerzeit ist Bergzeit
Sommerzeit heisst für mich Bergzeit. Wie schön ist es, wenn der Schnee weg ist, auf Blumenwiesen aufzusteigen, die klare Luft und die Ruhe zu geniessen. Viel Zeit nehme ich mir auf dem Gipfel, schaue in die Ferne, versuche die Namen der nahen und weiteren Berge zu ermitteln, rätsle, was wohl noch weiter hinten, hinter dem Horizont ist. Ich fühle mich grenzenlos, auch wenn ich viele Grenzen beobachten kann.
Da gibt es die geographischen Grenzen. Ich erkenne Gipfel in Österreich, in Liechtenstein. Ich sehe die Baumgrenze, die Vegetationsgrenze, die Siedlungsgrenze, die Schneegrenze. Beim Aufsteigen spüre ich meine körperlichen Grenzen, ich brauche Pausen zum rasten. Ja, ich erlebte es auch schon, dass das Wetter plötzlich umschlug und mich zur Rückkehr aufforderte, ohne den Gipfel zu erreichen, der Weg nicht mehr da war oder unpassierbar war und ich einen grösseren Umweg machen musste. Manchmal heisst es der Vernunft gehorchen und umkehren, wie unlängst im Frühling, als ein Schneefeld an steiler Flanke kurz vor dem Ziel zur Umkehr zwang. Auch das Leben hat seine Grenzen. Nicht jeder Weg macht Sinn, nicht jeder Weg führt zum Ziel, nicht jede Berufsausbildung ist für ein ganzes Leben, nicht jede Freundschaft hält ewig. Manchmal setzt auch die Gesundheit oder die eigene Fähigkeit Grenzen. Ich kann nicht alles erreichen, ich bin nicht für alles geeignet, ich muss umdenken, umplanen, umkehren, einen anderen Weg gehen. Nicht alle Träume und Ideen verwirklichen sich. Vor einigen Jahren erhielt ich von einem Bergkameraden eine Bergbibel. Es handelt sich dabei um eine Spezialausgabe des Neuen Testaments, ergänzt mit Berichten von Bergführern und anderen Berggängern. Sie erzählen von Situationen, wo sie an Grenzen gelangten. Nicht nur auf Bergtouren, sondern auch in ihrem persönlichen Leben.
Es ist interessant, die Bibel ein-mal aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Dabei entdeckt man, die Bibel ist voll von Geschichten von Menschen, die an ihre Grenzen kamen, die liebgewonnene Grenzen überschreiten mussten, die Neu-es wagten – oder denen Gott Grenzen setzen musste.
Es ist ein schönes Gefühl, auf dem Gipfel zu stehen und in die Weite zu blicken. Dies gibt einem das Gefühl, alle Grenzen hinter sich gelassen zu haben. Mir aber eröffnet sich mit dem Blick in die Ferne auch die Einsicht, dass nur Gott grenzenlos ist. Er allein weiss, was hinter dem Horizont ist, wo-hin mein Weg noch führt. Und ich bin froh, dass er mit mir kommt, wohin ich auch gehe, selbst dann, wenn ich umkehren muss.
Wie steht es mit dem, der den Herrn ernst nimmt? Der Herr zeigt ihm den Weg, den er gehen soll (Psalm 25,12). Pfr. Kurt Liengme