Zum Reformationstag

26-11_Milchsuppe (Foto: wikimedia commons)
Würde es die Menschenrechte ohne das Christentum geben? Hätte es den Humanismus ohne die Reformation gegeben? Gibt es Frieden ohne Vergebung?
Ein Bekannter von mir sagt oftmals beim Anblick der kriegerischen Auseinandersetzungen und dem Elend in der Welt: «Religion ist Sch…». Er kommt aus einem islamischen Staat und meint, dass dort die Religion im-mer wichtiger ist als das Wohl des Menschen, dass die Menschen dadurch entweder lethargisch oder extrem werden, dass sich niemand anstrengen will, etwas zu verbessern, dass vor allem die Jungen keine Zukunftsperspektiven haben.

Wir feiern am ersten Sonntag im November den Reformationssonntag. Wir Reformierte machen das jeweils mit etwas Stolz. Wir sehen darin etwas Fortschrittliches und Freiheitliches. Wir vergessen dabei aber, dass mit der Reformation auch «Religionskriege» einhergingen. In der Schweiz war es ein Kampf zwischen den katholischen und den reformierten Orten – zum Glück meistens nur mit wenigen Toten. In Deutschland kam es in der Folge der Reformation zu den Bauernaufständen und schliesslich sogar zum 30jährigen Krieg mit viel Elend für die einfache Bevölkerung. Bringt also Religion immer auch Krieg?

Es ist leider so, dass die Religion im-mer wieder missbraucht wird für eine Ideologie, die Andersgläubige vernichten will. So als wenn Gott, der alle Menschen schuf, Freude daran hätte, wenn ein Teil von ihnen ermordet würde. Ich kann mir eine solche Freude bei Gott nicht vorstellen.

Ich schaue bei der Reformation daher viel lieber auf die Versöhnung, die man wie unter Brüdern beim Teilen der Kappeler Milchsuppe erfahren durfte oder bei der kampflosen Übergabe vom Kloster Fraumünster in Zürich durch Katharina von Zimmern in der weisen Voraussicht, einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Und doch stellt sich mir die Frage immer wieder und gerade jetzt wieder von neuem: Darf man für eine gute Sache auch kämpfen? Darf ich mich, wie die Bauern in Deutschland, gegen Unterdrückung durch Fürsten und Vögte wehren? Darf ich für die Freiheit, wie seinerzeit die Eidgenossen, in die Schlacht ziehen? Darf ich mich für eine gute Sache sogar mit Gewalt einsetzen? Darf sich ein Volk gegen seinen Despoten mit Gewalt wehren? Darf ein Staat dem andern bei Völkermord oder feindlicher Übernahme zu Hilfe kommen? Wo sind die Grenzen für ein Einschreiten?

Und wer bestimmt schliesslich, was gut und was schlecht ist? Oder welche Staatsform, welche Religion dem Volk am besten dient? Wir alle wollen Frieden und Gerechtigkeit. Wie ist dies am besten zu erreichen? Steht die westliche Welt, die mehrheitlich aus der Reformation hervorging, für Frieden und Gerechtigkeit? Wir sollten uns diese Frage immer wieder neu stellen. Frieden, ich stelle ihn mir gelegentlich vor wie Brüder und Schwestern, die sich versöhnlich eine Suppe teilen und über eine friedliche Zukunft nachdenken.

Pfr. Kurt Liengme