Wechselnde Pfade – Schatten und Licht

26-10_See.png (Foto: Galina Angelova)
Die aktuelle Weltlage beschäftigt viele Menschen, mit denen ich im Gespräch bin. Wie kann man das überhaupt ertragen?
Die Sammlung der Psalmen ist ein schönes Beispiel dafür, wie Menschen mit einer breiten Palette an Erfahrungen umgehen. Es sind Gebete und Lieder unserer Mütter und Väter im Glauben. Lob und Dank, aber auch Trauer, Wut und Verzweiflung kommen zur Sprache.

Ich denke an die bekannten Worte des Psalms 23: «Wandere ich auch im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir». Sie sprechen vom Vertrauen, dass wir im Bedrohlichen nicht ins Bodenlose versinken, sondern gerade dann getragen sind von Gott. So laden die Psalmen dazu ein, die vielfältigen Gefühle nicht für sich zu behalten, sondern vor Gott zu bringen – allein oder mit anderen.

Schatten und Licht schliessen sich nicht aus, sondern gehören zum Weg. Beim persönlichen Gebet oder beim Gebet für die Welt ist die Gemeinschaft wichtig. Ich bin als Einzelne nicht allein. Wenn ich mit anderen um Persönliches oder um den Frieden und Gerechtigkeit bete, fühle ich mich gestärkt, handlungsfähig und solidarisch.

Durch die heilige Geistkraft spüre ich die Verbundenheit mit anderen Menschen mit ähnlichen Anliegen für die Welt. Das gemeinsame Gebet ermutigt, verbindet und tröstet. Diese Verbundenheit zu stärken, aufeinander zuzugehen und aufeinander zu hören, ist ein Anliegen feministischer Theologinnen.

So schreibt Carter Heyward: «Es ist Zeit, einander unsere Geschichten zu er-zählen und aufmerksam zuzuhören, [...] unsere Erfahrungen bewusst zu erleben. Wir müssen unsere Gefühle von Verwirrung, Angst und Frustration erkennen und teilen.» Durch dieses Teilen bleibt niemand allein mit dem Gefühl der Ohnmacht. Wenn wir zusammen vor Gott sind und dadurch ein Raum entsteht, in dem wir klagen, weinen und das Dunkle benennen, kann es verwandelt werden und durch Teilen etwas leichter und hel-ler werden. Licht mag hineinscheinen, so dass Dankbarkeit, Freude und Lachen wieder möglich sind.

In der Fürbitte denken wir an andere, so entsteht Verbundenheit mit leidenden Menschen in unserer Umgebung und in der Welt. Das Wissen, dass je-mand an mich denkt oder für mich betet, stärkt. Ich bin nicht allein. Andererseits kann ich durchs Gebet für andere etwas gegen die Verzweiflung und Ermüdung bewirken und fühle mich handlungsfähig.

Eine meiner Lieblingswande-rungen in der Umgebung führt vom Bahnhof Sihlwald zum Albishorn. Diese Wanderung ist abwechslungsreich, Licht und Schatten wechseln sich ab, wie auch gerade und steile Wege. Kurz vor dem Grat ist der Weg besonders steil. Nach der letzten Kehre ist man oben auf dem Grat. Oft geniesse ich diese Weite und staune über die Schönheit. Ich fühle mich mit anderen verbunden, bin dankbar für den Frieden, den wir haben und für Mitmenschen, die mit mir auf dem Weg des Lebens sind.
Ihre Pfarrerin Galina Angelova