Schöpfungszeit 2026: Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge

25-09_labyrinth1 (Foto: JuM)

Im Frühling haben mein Mann und ich unsere Gartenlounge genauer angeschaut. Eigentlich hätte wir sie ersetzen sollen. Das Holz war an einigen Stellen gebrochen, die Farbe abgeblättert, die Holzsitzflächen an einigen Stellen verbogen. Aber wir haben geschliffen, geschraubt und neu gestrichen. Vernünftig gerechnet hat sich das kaum. Für die investierte Zeit hätte man wahrscheinlich längst eine neue Lounge kaufen können – es war die zweite Sanierung innert zwei Jahren!
Und doch standen wir am En-de zufrieden davor. Nicht weil sie wieder wie neu aus-sah. Sondern weil sie ihre Ge-schichte behalten hatte. Vielleicht deshalb spricht mich das Thema der Schöpfungszeit 2026 an: «Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge».

Wir leben in einer Welt, in der fast alles einen Preis hat. Aber nicht alles, was einen Preis hat, hat auch einen Wert. Und manches, was für uns von unschätzbarem Wert ist, würde auf einem Flohmarkt kaum jemanden interessieren.

Ich denke an Möbelstücke, die über Jahre hinweg Teil des Familienlebens geworden sind. An Werkzeuge, die schon Generationen vor uns benutzt haben. An ein Buch voller Randnotizen. An einen Gegenstand, der Erinnerungen trägt. Von aussen betrachtet sind es Dinge. Für uns sind sie oft viel mehr. Vielleicht geht es genau darum. Die Dinge nicht nur als Gebrauchsgegenstände zu betrachten, sondern als Begleiter unseres Lebens. Wer etwas repariert, entdeckt plötzlich seinen Wert neu. Wer etwas pflegt, baut eine Beziehung dazu auf. Wer etwas lange besitzt, merkt, dass Wert nicht nur mit Neuheit zu tun hat. Das gilt nicht nur für Gegenstände. Es gilt auch für die Schöpfung. Ein alter Baum am Wegrand hat kein Preisschild. Das Zwitschern der Vögel am Morgen ist nicht käuflich. Und doch würde uns etwas Wesentliches fehlen, wenn all dies verschwände.

Die Bibel sieht die Welt als Geschenk. Nicht als Warenlager, aus dem wir uns bedienen, sondern als Schöpfung, die uns anvertraut ist. Dieser Gedanke wirkt auf den ersten Blick schlicht. Aber er verändert den Blick auf unser Leben. Wer die Welt als Geschenk betrachtet, fragt nicht zuerst: «Was bringt es mir?» Er fragt: «Wie gehe ich sorgsam damit um?» Vielleicht beginnt «wertvoll leben» deshalb nicht mit grossen Programmen und weitreichenden Beschlüssen. Vielleicht beginnt es viel kleiner. Mit dem Entschluss, etwas zu erhalten statt zu ersetzen. Mit Dankbarkeit für das, was bereits da ist. Mit dem Bewusstsein, dass nicht alles, was alt ist, seinen Wert verloren hat. Unsere Gartenlounge steht wieder auf der Terrasse. Sie ist nicht perfekt. Man sieht ihr die Jahre an. Aber vielleicht macht gerade das ihren Wert aus.

Ihre Pfarrerin Julia Matucci-Gros
Bereitgestellt: 28.08.2026      
aktualisiert mit kirchenweb.ch
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