500 Jahre «Prophezei» – reformierte Offenheit für Bildung
Die Zürcher Reformation ist eine Bildungsbewegung. Sie führte zur Übersetzung der Bibel und zur Gründung von Schulen. Am 19. Juni 1525 nahm im Chor des Grossmünsters die «Prophezei», eine theologische Schule und Arbeitsgemeinschaft ihren Betrieb auf. Von Anfang an wurde Teamarbeit geleistet – ihre Ergebnisse begeisterten die Menschen und schufen Zugänge zur Schrift für alle.
Für alle – dieses Postulat galt besonders der Bibel. Jeder und jede sollte die Bibel selbst lesen können, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Das war für damalige Verhältnisse revolutionär. Im Juni 1525 begannen Zwingli und weitere Gelehrte mit der Übersetzung der Bibel. Im Zwinglifilm (2019) gibt es dazu eine hübsche Szene.
Im Chor des Grossmünsters stehen Tische und darauf liegen grosse schwere Bücher, man sieht die Gelehrten bei der Arbeit. Da kommen die Chorherren und wollen ihr gesungenes Tagzeitengebet abhalten. Irritiert nehmen sie die Störung für sich und ihre Gesänge. Das sagt einer: «Hier wird nicht gesungen, hier wird übersetzt.»
Die «Prophezei», auch Schola Tigurina genannt, ist ein Grundmodell für die spätere Universität in Zürich. Prophezei meint: Der Verkündiger hat einen prophetischen Auftrag. Nicht die Zukunft soll vorhergesagt werden, sondern Gottes Wort soll klar und überzeugend ausgesprochen werden. Seit 500 Jahren wird in Zürich also übersetzt, diskutiert, verstanden und vermittelt.
Zwingli holte die besten Sprachgelehrten der damaligen Zeit nach Zürich. Gemeinsam lasen sie die Bibel in ihren beiden Ursprachen Hebräisch und Griechisch. Das war die Grundlage für eine genaue Übersetzung in die Volks-sprache. Während rund sechs Jahren waren sie fast täglich am Übersetzen im Chor des Grossmünsters. Sie verglichen den Urtext jeweils mit der lateinischen Bibel, bevor sie sich für die richtigen, nahe am Original liegenden, deutschen Wörter entschieden. Diese Übersetzungen waren öffentlich und oft ein Ereignis.
Am Schluss las Zwingli den Zuhörern den in «guot Tütsch» geschriebenen Text vor und legte ihn zeitgemäss aus. Im Jahre 1531 – Zwingli erlebte diesen Moment noch selbst – wurde die gesamte Bibel erstmals in deutscher Sprache gedruckt. Nach dem berühmten Buchdrucker wurde sie Froschauer-Bibel genannt.
Um das Lesen und Schreiben zu fördern, entstanden volkssprachige Schulen und Lateinschulen. Die Zürcher Reformation förderte auch die naturwissenschaftliche Forschung. Aus der Zürcher Reformation ist so eine regelrechte Bildungsbewegung entstanden. Schulen und Universitäten gibt es heute in einer breiten Vielfalt, Bibliotheken sind offen für alle und laden zum Lesen ein. Religiöse Bildung ist ein Charakteristikum der Reformierten. Sie äussert sich im differenzierten Blick und ermöglicht Verantwortung für die eigene Spiritualität zu übernehmen. Zu beachten wäre: Singen und Übersetzen des Evangeliums ergänzen sich heute gegenseitig.
Pfr. Jürg-Markus Meier