Petra Steiner

175 Jahre Kirche – eine Würdigung

1_turm2 (Foto: Archiv)

Am 24. Oktober 1847 wurde in Thalwil eine neue, für die zürcherische Landschaft einzigartige Kirche eingeweiht: ein Zentralraum, der auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes errichtet wurde. Nach dem tragischen Brand von 1943 entschied man sich bewusst, dem Wiederaufbau einen rekonstruierenden Charakter zu geben. 175 Jahre alt wird nun heuer die Thalwiler Kirche – auch wenn es ein «gebrochenes» Jubiläum ist, verdient es eine Würdigung.
Im Jahre 1159 erstmals urkundlich erwähnt, stand schon die alte, dem Heiligen Martin geweihte Kirche auf der aussichtsreichen «Blatte in Thaleweil». Im aufstrebenden 19. Jahrhundert wuchs Thalwil zu einem Knotenpunkt und Zentrum der Webindustrie. Die alte längsausgerichtete Dorfkirche war baufällig geworden und bot der wachsenden Bevölkerung zu wenig Raum.

Nach langer Planungszeit, verzögert. durch den Strassenbau, wurden ab 1845 erste Bauarbeiten vergeben. Alle Männer und Frauen unter 70 Jahren verrichteten Frondienst, freiwillige Unterstützung kam auch von der Gemeinde Oberrieden.

Am 24. Oktober 1847 wurde die neue Kirche mit dem weitherum sichtbaren, quadratischen Kirchturm festlich eingeweiht. Am Gründungsdatum der Kirchweih orientiert sich bis heute die beliebte Thalwiler Chilbi, die ob ihres herbstlichen Datums auch «Pelzchappenchilbi» genannt wird.

Die Thalwiler Kirche hat den Grundriss eines griechischen Kreuzes mit stark verkürzten Armen. Sie gehört wie Wädenswil und Horgen zum Typ der Querkirchen, präziser gesagt, handelt es sich um den einzigen Zentralraum in der Kirchenlandschaft. So akzentuiert auch das Thalwiler Modell den reformierten Kultus: Wesentliches Element des gottesdienstlichen Feierns ist das Hören auf das Wort. Dafür versammelt sich die Gemeinde halbkreisförmig um den Ort der Kommunikation des Evangeliums, die Kanzel. Auch die U-förmige Hufeisenempore verstärkt diesen Effekt und schafft einen visuellen und akustischen Zugang für alle Teilnehmenden.

Nebst Kanzel und dem originalen Taufstein gehört die Orgel zu den liturgischen Hauptelementen der Kirche. Die erste Thalwiler Orgel, erbaut vom berühmten Orgelbauer Friedrich Haas, fand 1865 ihren Platz auf der Empore. Thalwil war eine der ersten Zürcher Kirchen seit der Reformation, in der die Orgel fortan den Gesang unterstützte und als prädestiniertes Kircheninstrument zu hören war. Eine wuchtige Kanzelwand an der Ostseite mit integrierter Orgel wurde schon 1914 errichtet, auch nach dem Brand hielt man an diesem Standort für die grosse Kuhn-Orgel fest. Anlässlichder Kirchenrenovation 1992 kam die Haas-Orgel als Zweitorgel aus dem Bülacher Exil wieder zurück. Ursprünglich waren die Wändemit gotisierenden Malereien geschmückt, heute wirkt der Innenraum bewusst nüchtern und ermöglicht ein vielfältiges Hörerlebnis beim Feiern und an den musikalisch hochstehenden Konzerten. Die lichtdurchflutete Kirche wirkt einladend.

Die Glasfenster von Max Hunziker akzentuieren mit ihren symbolischen Formen und biblischen Figuren die Botschaft vom Licht, das mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Der Kirchturm, der von überall sichtbar ein Thalwiler Wahrzeichen darstellt, steht da wie ein Leuchtturm, der allen Winden und Wassern trotzt und erst noch eine wunderschöne Aussicht auf Berge, See und Grossstadt bietet. Die Kirche auf der Platte ist eine echte Dorfkirche, einladend und offen, sie gehört einfach dazu. Sie verweist, das ist ihr spezifischer Dienst, auf jene Dimension, die unser menschliches Vermögen übersteigt – auf die Gegenwart Gottes in der Welt und unter uns Menschen.
Pfr. Jürg-Markus Meier

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Fotos vom Kirchenbrand 1946

Fotos vom Wiederaufbau, 1946/47
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Bereitgestellt: 03.11.2022     Besuche: 108 Monat 
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