Petra Steiner

Gottesorte

1_leitartikel (Foto: zvg)

Gott macht spontan überall mit mir ab.
Mich erreichten nach meiner Aufforderung, mir von den Orten Ihrer Gottesbegegnung zu schreiben, fünf Postkarten und ein Brief: Gott begegnete Ihnen in Frankreich auf dem Boot, in den Bergen, am Meer, in der Ruhe des Alltags und auch in unserer Geborgenheit schenkenden Thalwiler Kirche. Die Gottesbegegnungen sind so individuell – wie wir Menschen. Es ist schön gewesen zu lesen, dass viele doch noch ein Empfinden dafür haben, wann und wo ihnen Gott begegnet.

Das ist in unserer heutigen Zeit eine Begabung oder Fähigkeit, die bereits viele Menschen mit teuren Seminaren, exotischen Reiseabenteuern und speziellen spirituellen Beratungen suchen. Umso schöner, wenn es auch einfach noch so gelingen kann. In der postmodernen Gesellschaft gehört einePortion Mut dazu, anderen Gegenüber zu sagen: Da habe ich Gott getroffen. Mir selbst geht es da nicht anders. Dabei treffe ich Gott sogar recht häufig. Meistens jedoch spontan. Es ist schwierig einen Termin mit ihm abzumachen. Irgendwie ist das nicht seine Art. Ich treffe ihn in den Bergen, im Garten, beim Spazieren gehen und auch mitten in der Nacht, wenn ich schlaflos in den Sternenhimmel oder die dunkle Nacht schaue. Es sind (meist) schöne Momente.

Bin ich so gläubig zu sagen, dass das jetzt eine Begegnung mit Gott war? Würden andere vielleicht nur die Schönheit der Natur beschreiben? Oder die Freude in ihrem Innern? Braucht der Mensch eine innere Empfindsamkeit, um Gott begegnen zu können? Ich behaupte: Ja. Es ist die Haltung Gott ein Mehr zuzutrauen. Es ist der Glaube, dass Gott überall sein kann – und will. Und es ist die Offenheit, dass diese Begegnung jederzeit stattfinden kann. Diese Einstellung, dass Gott eben überall sein kann und will, ist ein Kind der neueren Zeit:

«Früher, als die Welt noch endlich und viel kleiner war, hätte man gesagt: Gott wohnt im Himmel. Gott wohnt dort, wo die sichtbare Welt aufhört. Am Ende der Welt, sagte man im Mittelalter, hinter dem sichtbaren Himmel, hinter den Sphären der Planeten und Sterne, beginnt der Himmel Gottes. Dort wohnt Gott mit den Engeln, den Heiligen und Seligen. So hat es Hartmann Schedel anschaulich in seiner Weltchronik von 1493 gezeichnet. Im Laufe der Neuzeit wurde die Welt jedoch zum Universum, sie wurde grösser und grösser, ist heute knapp 14 Milliarden Lichtjahre ausgedehnt. Wo wohnt Gott jetzt? Man kann sagen, er wohnt im Unendlichen, man kann aber auch sagen, er wohnt überall und nirgends.» (Ulrich Beutler, Wo wohnt Gott siehe theologie-naturwissenschaften.de, 3.9.2022).

Dieses Zitat von Ulrich Beutler ist nur der Anfang eines Textes und seiner Forschung zu Gottes Wohnort. Es ist für mich aber vor allem die Antwort, dass Gott seinen Wohnbereich ausgedehnt hat. Dass Gottesorte überall sein können und wir ihn somit auch spontan zu jeder Zeit treffen können. Das ist in diesen Zeiten doch beruhigend, oder?
Pfrn. Julia Matucci-Gros
Bereitgestellt: 07.10.2022      
aktualisiert mit kirchenweb.ch
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