Petra Steiner

Gottesdienstkundschaft?

Landeskirche Zürich (Foto: Petra Steiner)

Von nun an seid ihr keine Angestellten mehr, ihr seid meine Geschäftspartner. – Oder wie wir Jesus auch missverstehen können.
Die Begriffe «Jünger» und «Freunde» in Johannes 15,15 lassen sich nur schlecht in unserer Lebenswelt unterbringen. Da haben es Begriffe wie Partnerin, Kunde etc. einfacher. Denn so funktioniert unsere Welt nun einmal, und hie und da vernehme ich, wie auch in der Kirche bereits eine ratsuchende Person als Klientin bezeichnet wird. Und ohne Vorwarnung mutieren Gottesdienste so wie alle weiteren kirchlichen Anlässe zu Angeboten der Kirchgemeinde und werden entsprechend ausgewiesen. Ist somit bereits die Gottesdienstgemeinde zu einer Gottesdienstkundschaft geworden?

Das Problem, das sich mit der Begrifflichkeit und der damit einhergehenden Denkweise stellt, ist, dass sie an Jesu Botschaft vorbeiführen und das Wesen der Gemeinschaft verkennen, die Jesus ins Leben gerufen hat. Jesus spricht von Nachfolge und bietet seinen Jüngerinnen und Jüngern seine Freund-, nicht eine Partnerschaft an. Sein Verhältnis zu seinen Zeitgenossinnen und – genossen wie auch zu uns heute ist die des Opfers, also der Gabe und Hingabe, nicht die des kommerziellen Austausches zwischen Geschäftspartnern. Jesus spricht von Wahrheit und Zukunft, nicht davon, dass wir Visionen entwickeln und uns Ziele stecken, die wir durch geeignete Massnahmen erreichen sollen. Dieses Denken führt an der Realität, die Jesus für seine Gemeinde entworfen hat, vorbei.

Nun weiss auch ich, dass unser Leben heute stark von wirtschaftlichen Bezügen bestimmt wird. Dies ist aber noch lange kein Grund, unsere Torheiten mit der unendlich menschlicheren Wahrheit des Evangeliums zu verwechseln. Vielmehr gilt es umgekehrt, unser Denken und unsere Sprache bewusst und konsequent an den Worten und Taten Jesu auszurichten. Wenn Jesus sagt, «Ihr seid meine Freundinnen und Freunde», so handelt es sich dabei nicht etwa um ein Angebot, sondern um eine mit Autorität vorgetragene Befähigung seinerseits, ein im besten Sinne verstandenes «Machtwort», mit dem er uns an seinem Leben und Wirken teilhaben lässt, ganz ohne Wenn und Aber. Was hier versprochen wird, ist mehr als ein Deal, es ist Erfüllung und eine Verbindung, die über Lebenskrisen, Elend und sogar den Tod hinweg zu tragen verspricht.

Eine neue Kirchenpflege ist eingesetzt worden. Auch werden ab dem Sommer neue Mitarbeiterinnen die Kirchgemeinde mitgestalten. Gebe Gott, dass wir untereinander und in der Öffentlichkeit zu einer Sprache finden, die mehr den Charakter der Gastlichkeit und der Freundschaft trägt als den der Geschäftswelt. Alles an seinem Ort. Bin ich im Laden oder Restaurant gerne Kunde, so bin ich dies nicht in den Räumen meiner Kirchgemeinde, sondern zu Hause und an Gottes Tisch ein willkommener Gast.
Pfarrer Arend Hoyer
Bereitgestellt: 01.09.2022     Besuche: 74 Monat 
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