Natascha Boha

«Nicht abgewiesen – angenommen» ... Gedanken zur Jahreslosung 2022

Jahreslosung (Foto: Quelle: Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de)

Seit 1934 gibt es die Jahreslosungen. Initiator war der deutsche Liederdichter und Pfarrer Otto Riethmüller, der sich in dunklen Zeiten in der bekennenden Kirche engagierte. Die Jahreslosung 2022 steht im Johannesevangelium: «Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen» (Johannes 6,37).
Im Johannesevangelium wird Jesus als Bote Gottes beschrieben, der in diese Welt geschickt wird, um uns den Willen Gottes mitzuteilen. Er offenbart sich uns in Bildern und Gleichnissen – seine Werke der Barmherzigkeit und der Liebe legitimieren ihn. Mit seinen Ich-bin-Worten stellt er sich vor und weist damit weit über sich hinaus. Konkret klingt das Bild des «guten Hirten», anspruchsvoller ist seine Vorstellung im 6. Kapitel, wo er von sich als dem «Brot des Lebens» spricht. Dieses Brot- Wort geht der Jahreslosung 2022 unmittelbar voraus und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang, in dem es auch um das Abendmahl geht.
Wegweisend sind Jesu Tischgemeinschaften mit Aussenseitern. Vielfach berichten die Evangelisten davon, dass Jesus Zöllner und Sünder zu gemeinsamen Mahlzeiten einlud. Mit dieser Zeichenhandlung protestierte Jesus gegen ihre Verachtung und verkündete seine Botschaft: Gott erkennt jeden und jede an, er oder sie kann noch so schräg oder schuldig sein. Wer kommt wird nicht abgewiesen, sondern erfährt Annahme. Der Tisch in der Kirche steht symbolisch für dieses grundsätzliche Angenommen-Sein. Jesus bringt es uns auf menschliche Art nahe. Es kommt nun einzig darauf an, dass man die Einladung annimmt und wirklich kommt. Auf dem Kommen liegt also die Pointe. Darauf zielt dieses Ich-Wort von Jesus. Dieses Kommen gilt es einzuüben. Es setzt voraus, dass man sich in Bewegung setzt. Ist der Glaube dafür die Voraussetzung? Man kann es so sehen. Bei der biblischen Tischgemeinschaft lesen wir nichts davon. Wohl aber setzt es voraus, dass Menschen sich als suchend erfahren. Suchen meint hier ein spirituelles Unterwegssein, das offen ist für überraschende Antworten und Begegnung mit dem Göttlichen Geheimnis. Das fragende Ich sucht ein Du, sucht ein Zwiegespräch, bittet um Antworten, wünscht sich Licht für den individuellen Weg. Es bekommt von Jesus weit mehr als es sich zu wünschen träumt. Es bekommt das Brot, das den Lebenshunger stillt und die Verheissung ewigen Lebens. Zwingli liess während der Austeilung von Brot und Wein aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums vorlesen, um hörbar zu machen, um was es beim Abendmahl geht: Teilhabe an dieser geistlichen Speise und Stärkung des Vertrauens. Folgt man dieser Spur, so gilt: Wer zu Jesus kommt, bekommt geistliche Wegzehrung. Brot allein genügt nicht. Die Jahreslosung lädt ein, jetzt und immer wieder zu Jesus zu kommen, sich neu ausrichten und beschenken zu lassen von seiner Liebe, seiner Vergebung und seinem schöpferischen Wort.
Pfr. Jürg-Markus Meier
Bereitgestellt: 01.01.2022      
aktualisiert mit kirchenweb.ch
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