Denise Bartholdi

«Gewissen und Protest(antismus)» - eine evangelische Haltungsfrage

Martin Luther (Foto: www.pixabay.com)

«Hier stehe ich, ich kann nicht anders»
Da zeigt einer Haltung, steht vor Kirche und Staat und protestiert. Seinen einzigen Halt findet er in Gottes Wort allein. Dieser Satz Martin Luthers auf dem Reichstag zu Worms 1521 ist Legende und gleichzeitig ein grosser Meilenstein auf dem Weg zu den modernen Grund- und Menschenrechten, insbesondere der Meinungs- und Religionsfreiheit. «Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.», so Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms auf die Frage, ob er alles, was er geschrieben hat, widerrufen wolle. Es ist ein Schlüsselmoment für den Protest aus Gewissensfreiheit und weist den Weg für ein mögliches gesellschaftliches oder politisches Engagement.
Zum Glück gibt es in der Geschichte immer wieder Männer und Frauen, die am rechten Ort zur rechten Zeit aufstehen und sich auf den Weg machen - wagemutige Menschen, die nicht bereit sind, den Lauf der Dinge einfach so hinzunehmen: wie z.B. Martin Luther King Jr., Greta Thunberg, Edward Snowden. Menschen, die die Welt besser machen möchten, nicht für sich, sondern für alle. Dabei orientieren sie sich an der Stimme des Gewissens. Sie zeigt ihnen die Richtung wie eine Kompassnadel an.
Im Protestantismus gründet dieses Engagement in einer christlichen Haltung und ist Ausdruck eines freien Geistes, der tapfer Anteil nimmt an der Weltgestaltung. So bleibt nach evangeli-scher Auffassung das Gewissen an Gottes Wort, die Bibel, gebunden. In der Bibel finden sich vielfältige Kriterien und Werte wie Christenmenschen ihr Leben im Alltag gestalten können wie z.B. «Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.» (Leviticus 19, 18) oder «Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. (Römer 15,7). Wenn Menschen das Ernst meinen und los gehen, um danach zu handeln, dann benennen sie offen strukturelle Gewalt und Hass und helfen mit, diese zu überwinden. Ihre Haltung ist vorurteilsfrei von Anerkennung und Respekt ohne Ansehen der Person geprägt.
Dass wir evangelische Christ*innen und Kirchen Protestanten sind und genannt werden, hat mit dem Protest der evangelischen Stände, d.h. Reichsstädte und Länder, auf dem Reichstag zu Speyer 1529 zu tun: Der Kaiser wollte die Gewissensfreiheit schon wieder rückgängig ma-chen. So schnell kann es gehen. Protest, also Zeugnis ablegen, ist aber nicht die einzige Mög-lichkeit auf die Stimme des Gewissens zu hören und sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Passion, Widerstand, Gespräch und Kompromiss sind weitere gebotene Möglichkeiten aufzustehen, los zu gehen und sich einzumischen.
Oder wie es Kurt Marti einmal gedichtet hat:
«Wo kämen wir hin, wenn alle sagten,
wo kämen wir hin, und keiner ginge,
um zu sehen, wohin wir kämen,
wenn wir gingen.»

Pfr. Torsten Stelter und Pfr. Jürg-Markus Meier
Bereitgestellt: 22.10.2021      
aktualisiert mit kirchenweb.ch
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