Denise Bartholdi

Das dreifache Netz der Liebe

Das dreifache Netz der Liebe (Foto: Omar Flores@unsplash)

Was macht die Kirche aus? Nicht in erster Linie das Gebäude aus Stein, auch nicht eine bestimmte Konfession, sondern ein lebendiges Haus bestehend aus Menschen, …
… die darauf vertrauen, dass es die Kraft der Liebe ist, die unsere Welt im Innersten zusammenhält. Und dass Gott da ist, über unserem Leben wacht und seine Präsenz wahrnimmt, auch bei herbstlichem Nebel und pandemiebedingten Herausforderungen. Ich denke, es ist nicht abwegig, den Gott der Liebe in sich selbst als beziehungsreich zu denken. Für den Dichter Kurt Marti ist das ein geniales christliches Denkbild, weil «es wagt, Beziehungsvielfalt und Macht-Teilung in der Gottheit zu denken, so dass man in ihm auch Prinzipien wie Gewaltentrennung, Mitsprache, Mitbestimmung vorgezeichnet finden kann».
Diesen Beziehungsreichtum gilt es in menschlichen Verhältnissen zu verorten. Als Jesus nach dem Wesentlichen im Leben gefragt wurde, hat er mit einer doppelten Liebesaufforderung geantwortet. Zum einen sollen wir Gott lieben von ganzem Herzen und zum zweiten heisst es: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst» (Matthäus 22,39). Damit ist alles gesagt und darin ist alles enthalten, betont Jesus. Diese Antwort kommt nicht unerwartet. Diese beiden Leitworte gab es schon zuvor, sie sind im Ersten Testament nachzulesen. Umwerfend neu ist, dass Jesus die beiden Gebote auf dieselbe Ebene stellt. Die Gottesliebe, die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst werden miteinander verknüpft und aneinander gebunden. Sich selber annehmen und bejahen können, führt heraus aus individualistischem Kreisen um sich selbst und weitet den Blick für Andere. Der Verfasser des ersten Johannesbriefes wird später sagen: «Es kann doch niemand behaupten, er liebe Gott, wenn er gleichzeitig seinen Mitmenschen übersieht oder missachtet.»
Diese Liebe ist gerade im Blick auf die Nächstenliebe kein Gefühl. Sie ist eine Haltung von unterschiedlichen Menschen zueinander, die miteinander Lebensraum teilen. Was hier mit Liebe gemeint sein kann, beinhaltet das Wort Solidarität. In jeder Gemeinde, sei es eine Kirchgemeinde oder politische Gemeinde, gibt es gegensätzliche Positionen, Streit, Missverständnisse, diese lassen sich nicht einfach zudecken. Jedoch können alle in der Gemeinde zueinander stehen, sich stützen, sich aushalten, sich aber auch gegenseitig kritisieren und voneinander lernen. Das Gebot der Nächstenliebe ist und bleibt die Norm für ein solidarisches Handeln. Es ist der vorzügliche Weg. Damit eine Gemeinschaft von Verschiedenen zusammenhält. So knüpft sich ein dreifaches Netz von Gottes-, Nächsten und Eigenliebe das uns Halt geben und uns verbinden kann. Bewegen wir uns in diesem Netz, so können wir offen bleiben für die Beziehungsvielfalt und erhalten die Kraft uns für Mitsprache, Mitbestimmung und Solidarität einzusetzen.
Pfr. Jürg-Markus Meier
Bereitgestellt: 24.09.2021     Besuche: 64 Monat 
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