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Petra Rüdisüli

Pfingsten im Gefängnis

background-3332559_640 —  https://pixabay.com/de/photos/hintergrund-zaun-freiheit-gitter-3332559/<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-thalwil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>600</div><div class='bid' style='display:none;'>6729</div><div class='usr' style='display:none;'>89</div>

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verbrachte auf Grund seiner konspirativen Tätigkeit im
Widerstand gegen das NS-Regime seine letzten zwei Lebensjahre von April 1943 bis April 1945 im Gefängnis. In dieser Zeit schrieb er viele Briefe und arbeitete, so gut es ging, an theologischen Studien.


Pfingsten ohne Gemeindegottesdienst – was Bonhoeffer als Einzelner erlebte, ist – das erste Mal seit Generationen – im Jahr 2020 aus ganz anderen Gründen eine Tatsache und muss uns nachdenklich stimmen. Wie Bonhoeffer darauf reagiert, zeugt von seiner glaubwürdigen spirituellen Haltung.
Pfr. Jürg-Markus Meier


«Nun feiern wir also auch Pfingsten noch getrennt, und es ist doch in besonderer Weise ein Fest der Gemeinschaft. Als die Glocken heute früh läuteten, hatte ich grosse Sehnsucht nach einem Gottesdienst, aber dann habe ich es gemacht wie Johannes auf Patmos und für mich allein einen so schönen Gottesdienst gehalten, dass die Einsamkeit gar nicht zu spüren war, so sehr wart Ihr alle dabei und auch die Gemeinden, in denen ich schon Pfingsten gefeiert habe. Das P. Gerhardtsche Pfingstlied mit den schönen Versen: «Du bist ein Geist der Freude» und «Gib Freudigkeit und Stärke», sage ich mir seit gestern Abend alle paar Stunden auf und freue mich daran. Die seltsame Geschichte vom Sprachenwunder hat mich auch wieder sehr beschäftigt. Dass die babylonische Sprachverwirrung, durch die die Menschen einander nicht mehr verstehen können, weil jeder seine eigene Sprache spricht, ein Ende haben und überwunden sein soll durch die Sprache Gottes, die jeder Mensch versteht und durch die allein die Menschen sich auch wieder untereinander verstehen können, und dass die Kirche der Ort sein soll, an dem das geschieht, das sind doch alles sehr grosse und wichtige Gedanken.
Leibniz hat sich ein Leben lang mit der Idee einer Universalschrift, die nicht in Worten, sondern in evidenten Zahlen alle Begriffe zur Darstellung bringen sollte, herumgeschlagen – ein Ausdruck seines Verlangens, die damals so zerrissene Welt zu heilen, ein philosophischer Reflex zur Pfingstgeschichte.

Es ist wieder völlige Stille im Haus, nur die Schritte der in ihren Zellen auf- und abgehenden
Gefangenen hört man, und wie viel trostlose und unpfingstliche Gedanken mögen da mit herumgetragen werden. Wenn ich Gefängnispfarrer wäre, dann würde ich an solchen Tagen von frühmorgens bis abends durch die Zellen gehen; da würde sich manches ereignen.

Eben wird völlig unerwartet Euer Pfingstpäckchen abgegeben. Es ist wirklich nicht zu beschreiben, wie einen so etwas freut. Bei aller Gewissheit der geistigen Verbindung zwischen Euch allen und mir hat der Geist doch offenbar immer ein ungestilltes Verlangen nach Sichtbarmachung dieser Verbindung der Liebe und des Gedenkens, und die materiellen Dinge werden dann Träger geistiger Realitäten. Ich glaube, das ist etwas Analoges zu dem Verlangen aller Religionen nach dem Sichtbarwerden des Geistes im Sakrament.»
Zitat aus: Bonhoeffer Brevier,
hgg. von O. Dudzus, München 1968, Wort zum 26. Mai
Bereitgestellt: 24.05.2020     Besuche: 53 Monat 
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