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Petra Rüdisüli

«Gast auf Erden» – ein Perspektivenwechsel

Wandern —  https://unsplash.com/photos/L9Fm1puAnoI<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-thalwil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>600</div><div class='bid' style='display:none;'>6701</div><div class='usr' style='display:none;'>89</div>

«Ich bin nur ein Gast auf Erden» – schreibt ein Dichter in Psalm 119. In diesem Bild steckt eine Botschaft, die nicht nur in diesen ausserordentlichen – durch Corona bestimmten – Wochen, sondern generell zukunftsweisend ist. Worin besteht das Hoffnungsvolle?
Im ökumenischen Gottesdienst zum Fastensonntag wurde am 8. März, als die Gemeinde sich noch versammeln durfte, im Zusammenhang mit dem Thema «Saatgut » eine Anekdote gelesen:
Da tritt ein Mensch träumend in einen Laden ein, erblickt einen Engel hinter der Theke und fragt nach der Ware, die verkauft wird. «Alles, was sie wollen.» Nun wünscht sich der Kunde unter anderem Brot für die Hungrigen, Heilung für die Kranken, Arbeit für die Arbeitslosen und mehr Liebe in der Welt. Der Engel schüttelt bedauernd den Kopf und entschuldigt sich: «Bei mir gibt es keine Früchte, bei mir gibt es nur die Samen.»

In der Krisenzeit, die wir gerade durchleben und die alle Generationen herausfordert, sind erstaunlich viele Samen aufgegangen, die uns positiv überraschen. Darunter fallen die vielen Taten der Nachbarschaftshilfe, die Zunahme an Hilfsbereitschaft und weitere schöne Formen eines solidarischen Verhaltens.
Heisst das, der Mensch kann, wenn er muss, sich klug verhalten? Und was wäre Klugheit angesichts der globalen Herausforderung durch den menschenverursachten Klimawandel? Das Bild des Gastes hilft hier weiter. Der alttestamentliche Psalmdichter bringt es in spiritualisierter Form: Nicht allein die schutzbedürftigen Fremden leben als Gäste unter dem Volk Israel, sondern letztlich sind alle Menschen Gäste im Lande des biblischen Gottes. Gast sein charakterisiert so das menschliche Leben – unsere Lebensreise. Land und Bodenschätze sind nicht unser Besitz, sondern uns anvertraut zum nützlichen Gebrauch.

In einem bemerkenswerten Buch des Philosophen Michel Serres, der 2019 verstorben ist, wird der Mensch als Parasit beschrieben. Parasitär leben demzufolge nicht nur einzelne Randgruppen innerhalb der Gesellschaft – wie zum Beispiel Diebe oder Schwarzfahrer oder Milliardäre –, sondern wir alle. Wir alle leben auf Kosten anderer, von dem was andere produzieren. Wir leben als Gäste auf der Welt.
Nun gibt es aber gute und schlechte Gäste, so wie es dumme und schlaue Parasiten gibt. So schont ein schlauer Parasit seinen Wirt, den er bewohnt und entwickelt sich nicht zu einer solch grossen Gefahr wie z.B. das Coronavirus. Als guter Gast tun wir gut daran unseren Planeten Erde, den wir mit vielen Lebewesen teilen, noch viel vehementer vor Zerstörung zu schützen. Denn auch die künftigen Generationen möchten hier Gastrecht erfahren und einen wirtlichen Ort vorfinden.

Es gilt einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, wie jüngst der Literaturprofessor Manfred Schneider anregte. Das biblische Wort, in dem der Mensch aufgefordert wird, sich die Erde untertan zu machen und zu herrschen, sollten wir neu übersetzen und sagen:
«Macht euch zu guten Gästen der Erde.» Die guten Samen, die uns helfen diese Rolle des guten Gastes einzuüben, sollten wir vielfach aussäen, damit sie möglichst bald und überall aufgehen mögen.
Pfr. Jürg-Markus Meier
Bereitgestellt: 28.04.2020     Besuche: 49 Monat 
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