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Petra Rüdisüli

Und führe uns nicht in Versuchung

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Immer wieder begegne ich dem Widerstand, ja Widerwillen, den die sechste Bitte im «Unser Vater» bei vielen Menschen auslöst. Prominent hat sich letzthin Papst Franziskus hinter seine französischen Bischöfe gestellt, die mit der Formulierung «Lass uns nicht in Versuchung geraten» die Vorstellung umgehen, Gott als Urheber von Versuchungen erscheinen zu lassen und damit konfessions Welschland hine Erfolg haben.
Als Seelsorger kann ich die «liebe» Not nachvollziehen, die gläubige Menschen mit der in der Bergpredigt offen konfrontativ formulierten Bitte haben: «Führe uns nicht hinein in die Versuchung». Als Theologe fühle ich mich aber gleichzeitig dem Text in seinem Wortlaut verpflichtet.

Der Lausanner Neutestamentler Simon Butticaz weist darauf hin, dass sich der griechische Begriff für Versuchung peirasmos über seine Wurzel «per-» u.a. im französischen expérience wiederfindet.
Dies gilt auch für den deutschen Begriff Experiment, was eine kleine Brücke in unsere Erfahrungswelt schafft: Denn peirasmos bezieht sich biblisch gar nicht auf irgendwelche Sünden, sondern auf ganz
konkrete Erfahrungen (expériences), die zum möglichen Vertrauensverlust führen können und somit für uns zur Gefährdung (französisch péril!) werden. Jesu Bitte,«dieser Kelch» möge an ihm «vorübergehen» (Matthäus 26,39), erinnert an diejenige im Unser Vater. Beide nehmen unsere Schutzbedürftigkeit in Grenzsituationen des Lebens in den Blick. Die «französische» Version der Bitte hilft uns also nicht weiter. Im Gegenteil: Sie engt die Bedeutung von Versuchung auf ein sündhaftes Verhalten ein. Die Interpretation der Bibel bleibt eine Herausforderung. Allzu lösungsorientiert birgt sie die Gefahr (péril) in sich, zur Versuchung zu werden.
Pfr. Arend Hoyer
Bereitgestellt: 20.06.2019     
aktualisiert mit kirchenweb.ch