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Petra Rüdisüli

1519 – 2019 oder: Zukunft braucht Herkunft

Zwinglitür am Grossmünster, Zürich<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-thalwil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>559</div><div class='bid' style='display:none;'>6139</div><div class='usr' style='display:none;'>89</div>

Vor 500 Jahren, am 1. Januar 1519, begann Huldrych Zwingli sein Amt als Leutpriester am Grossmünster. Es war ein Anfang mit Folgen, aus seiner Predigttätigkeit formte sich eine reformatorische Bewegung. Die unbedeutende Provinzstadt Zürich entwickelte sich in wenigen Jahren zu einem geistig-politischen Zentrum in Europa.
Jürg-Markus Meier,
Auf der Bibeltüre des Grossmünsters, dem heutigen Eingangsportal, findet sich ein interessantes Detail: Auf vier der 42 Bronzetafeln sind biblische Frauen aus dem Stammbaum Jesu (Matthäus 1) abgebildet – Rahab, Ruth, Bathseba und Maria. Sie verweisen bildhaft auf eine Besonderheit der Predigttätigkeit von Zwingli. Anstelle von vorgeschriebenen Sonntagslesungen begann Zwingli ganze biblische Bücher fortlaufend auszulegen.

Angefangen mit dem Matthäusevangelium begründete er so die reformierte Praxis der «lectio continua». Alle sollen die Schriften in ihrem Zusammenhang hören – die ganze Bibel. Nicht nur das Fettgedruckte, sondern das Ganze eines Textes, auch was schwer verdaulich und herausfordernd ist. Reformierte haben auch heute keine Lese- oder Perikopenordnung, womit andere vorentscheiden, was wichtig ist. Wer mit der Bibel lebt, fragt in allen Texten nach dem Wort Gottes, nach dem Wort, das allein in den Wörtern zu finden ist. Darum sollen sich Reformierte stets gegen jegliche Instrumentalisierung und Ideologisierung
der biblischen Texte wehren.

Auf der Südseite der Kirche befindet sich das Zwingliportal und darauf Szenen aus dem Leben von Zwingli. Eine Szene verweist auf das Innere der Kirche und auf die grosse Wertschätzung der Bibel als Richtschnur des Glaubens. «Lassend mir die Wort still ston», steht zu lesen. Drei Gelehrte stehen um einen Tisch herum. Sie diskutieren eine Stelle aus dem hebräischen Urtext und übersetzen ihn in die deutsche Sprache. So war es auch in Wirklichkeit. Ab 1525 trafen sich Philologen und Theologen täglich im Chor, viele der Diskussionen waren öffentlich, es war im wahrsten Sinne des Wortes «work in progress» und eine vorbildliche Teamarbeit. Daraus ist die Zürcher Bibel entstanden, eine der genausten Übersetzungen, in dieser Tradition steht auch die Ausgabe von 2007.

So ist die Zürcher Reformation eine Bildungsbewegung. Schulen entstanden und es gab bald
Bibliotheken für alle. Jeder und jede sollte die Bibel lesen können. Und wer selber lesen kann, lernt dabei selbst zu denken und zu interpretieren. Das gilt es auch heute wieder vermehrt zu üben. Nicht als heimliche Privatsache. Sondern miteinander, im Austausch über den evangelischen Glauben, der nach Zwingli wahrhaft frei macht. Eine solche Kommunikation (communicatio) will gelernt sein. Es bleibt für unsere Gemeinschaft (communio) Aufgabe und «work in progress».
Pfr. Jürg-Markus Meier
Bereitgestellt: 11.12.2018     Besuche: 28 Monat 
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