Petra Rüdisüli

Es wäre doch alles so einfach!

Welt_6830498700_24e8f74ab8_o zh.ref.ch —  _6830498700_24e8f74ab8_o zh.ref.ch<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirche-thalwil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>447</div><div class='bid' style='display:none;'>5050</div><div class='usr' style='display:none;'>89</div>

Eine theologische Betrachtung zum Jahreswechsel
Arend Hoyer,
2016 hat weltweit ein weiteres Mal gezeigt, wie komplex das Zusammenleben unter den Menschen ist. Diese Feststellung ist eigentlich banal. Allein, viele Zeitgenossen verhalten sich so, als ob es ausreichen würde, „einfach so weiterzumachen wie bisher“.
Tief in uns steckt offenbar der Glaube, dass es uns irgendwie schon gelingen wird, auf einfache Weise die Probleme der Welt „in den Griff“ zu bekommen und unsere eigenen obendrein. Dies glauben wir auch dann noch, wenn Zahlen, Studien, Berichte, Schätzungen und sogar die eigene Erfahrung eine ganz andere Sprache sprechen. Der französische Philosoph Pierre Bayle sah sich im 17. Jahrhundert bereits zur Aussage genötigt: „Wir glauben nicht, was wir wissen.“ Dieser „Unglaube“ wiederum verleitet uns auf scheinbar ganz natürliche Weise dazu, in einer bisweilen radikalen Vereinfachung unserer Wahrnehmung die Lösung aller Schwierigkeiten zu erblicken. Der fundamentale Glaube an einen letztlich unwiderstehlichen Fortschritt der Menschheit begegnet mir bereits in meiner eigenen Enttäuschung über „Rückschritte“, von denen das Jahr 2016 in vielerlei Hinsicht unter anderem menschlicher, politischer oder ökologischer Art angefüllt zu sein scheint. Doch wohin schreitet die Menschheit denn, wenn nicht letztlich auf eine stete Verbesserung der Verhältnisse hin? Aufgrund meiner Bibellektüre möchte ich antworten: Sie weiss es nicht! oder theologisch formuliert: Sie weiss es – auf sich allein gestellt – nicht.
Die Menschheit ist, was die Zukunft anbelangt, blind und eben nicht sehend! Und was hiesse es denn, zu versuchen, sehend in die Zukunft zu gehen? Ich möchte es als Seelsorger so beschreiben: dorthin blicken, wo es etwas zu sehen gibt. Und was könnte dies sein? Es sind immer Erlebnisse, Erfahrungen, die ich in der jüngeren oder weiter zurückliegenden Vergangenheit gemacht habe mit diesen oder jenen Menschen und wie ich damit fertiggeworden bin bzw. was ich habe daraus entwickeln können. Dies ist es, was ich, was wir alle, jede und jeder für sich selbst zunächst einmal zu sehen bekommt: das eigene Leben, das wir jeweils bruchstückhaft, mehr oder weniger scharf wahrzunehmen in der Lage sind. Und worin liegt in dieser Betrachtung unsere Zukunft verborgen? Im genauen und liebevollen Hinsehen, Würdigen, im wohlwollenden Abwägen dessen, was buchstäblich vor uns liegt. Erst auf diese Weise kommen wir mit der Zukunft wirklich ins Gespräch: Was aus uns wird, das vermögen wir erst dann zu erblicken, wenn wir dem, was vor Augen liegt, also unserer Gegenwart, zutrauen, sich zu dem Stoff zu verwandeln, aus dem die Zukunft gemacht wird. Wir müssen sie nicht „machen“. Die „macht“ jemand anderes. Unsere Aufgabe besteht darin, in der liebevollen Zuwendung zu uns und zur Welt, Gott möglichst günstigste Voraussetzungen zu liefern, seinerseits „das Beste daraus“ zu entwickeln. In diesem Sinn wünsche ich uns allen ein gesegnetes 2017, als ein Jahr, das Gott macht, so wie es bereits die traditionelle Formulierung „anno Domini“ festhält.
Pfr. Arend Hoyer
Bereitgestellt: 30.12.2016     
aktualisiert mit kirchenweb.ch